Alkoholismus: Unterstützendes Verhalten, wie du es erkennst und warum du es beenden solltest

Alkoholismus: Unterstützendes Verhalten, wie du es erkennst und warum du es beenden solltest

Stell dir einmal vor, deine Angehörige oder dein Angehöriger hätte von heute auf morgen so viel Alkohol getrunken, wie er oder sie es jetzt tut. Keine Phase der Gewöhnung, keine (leeren) Versprechungen, keine Hoffnungen auf deiner Seite. Einfach so: von jetzt auf gleich hätte er oder sie so viel getrunken wie jetzt. Hättest du das akzeptiert? Hättest du das Verhalten entschuldigt? Oder hättest du eher so etwas gesagt wie: „Was ist denn mit dir auf einmal los?“ „Warum trinkst du so viel?“ „Was soll das?“ „Hör das sofort wieder auf!“

Doch ein Alkoholproblem oder eine Alkoholabhängigkeit entwickelt sich meist über längere Zeit - Monate oder sogar Jahre. Ohne es zu wollen, und häufig auch ohne es zu merken, tragen viele Angehörige über diese lange Zeit dazu bei, das Trinkverhalten der Betroffenen zu verfestigen. An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich sagen, dass es in diesem Text nicht darum geht, den Angehörigen für das Trinkverhalten oder die aktuelle Situation Schuld zu geben. Es ist absolut verständlich, warum Angehörige so reagieren, wie sie es tun. Der Wunsch dahinter ist immer, der oder dem Betroffenen zu helfen! Doch leider ist in diesem Fall das intuitive Handeln oft auch ein Grund, warum sich das Problem dauerhaft festsetzen kann. Aber von vorne.

Die fatale Fürsorge der Angehörigen

Angehörige möchten der oder dem Betroffenen helfen, das Alkoholproblem (in Form einer Alkoholsucht, Alkoholabhängigkeit oder Alkoholmissbrauch) in den Griff zu bekommen. Sie reagieren verständnisvoll, fürsorglich und unterstützend. Sie entschuldigen die/den Betroffenen, wenn er auf einer Feier zu viel trinkt oder schon gar nicht mitkommen kann. Sie entschuldigen das Trinkverhalten vor sich selbst, in dem sie beispielsweise den Stress, eine schwierige Situation oder anderes dafür verantwortlich machen, dass der Betroffene mehr trinkt als zuvor. Sie entschuldigen den oder die Betroffene/n beim Chef, räumen Flaschen weg, kaufen vielleicht sogar Alkohol. Wenngleich absolut verständlich ist, warum Angehörige das tun, so funktioniert es nicht: Solange die alkoholkranke Person das Verhalten (Trinken, Streiten, Aggression) weiterführen kann, ohne die Folgen des Handelns zu spüren, gibt es keinen Grund, etwas zu ändern. Auch wenn das Verhalten der Angehörigen nicht darauf ausgelegt ist, das Trinkverhalten zu festigen, so wirkt das oben beschriebene Verhalten als unterstützend. Dein Ziel sollte sein, unterstützendes Verhalten zu stoppen. Dieser Schritt ist sehr wichtig. Denn nur so wird der Betroffene auch für sein Handeln verantwortlich gemacht. Und nur, wenn derjenige direkt spürt, welche unangenehmen Folgen drohen, gibt es die Option, dass er oder sie etwas ändert.

Unterstützendes Verhalten bei sich selbst erkennen

Vielleicht denkst du: „Das trifft doch auf mich nicht zu! Ich schimpfe doch, wenn mein/e Angehörige/r betrunken nach Hause kommt. Das kann doch niemals als Unterstützung aufgefasst werden.“ Teilweise hast du recht. Bestimmt wird dein/e Angehörige/r nicht sagen, „ach, ich finde es so toll, wenn mein/e Partner/in wütend auf mich ist“. Es wird demjenigen auch unangenehm sein und ihr/ihm wäre es lieber, du würdest nicht so schimpfen. Doch wenn dein/e Angehörige/r immer wieder in Kauf nimmt, dich zu verärgern und dass die Stimmung zu Hause schlecht ist, dann muss es an anderer Stelle einen Nutzen haben. Manchmal ist gerade die schlechte Stimmung die Rechtfertigung dafür, weitertrinken zu können. Wahrscheinlich hat dein/e Angehörige/r auch schon gelernt, dass du die Drohungen nicht wahr machst. Du wirst ihn nicht von heute auf morgen rausschmeißen, du wirst ihr nicht den Geldhahn komplett zudrehen, du wirst es nicht zulassen, dass er seinen Job oder sie ihren Führerschein verliert. Weil du das aber nicht tust, weil du nicht so herzlos sein möchtest, kann derjenige einfach weitermachen. Es kann sogar sein, dass er/sie auch die negative Aufmerksamkeit genießt: Mein/e Angehörige/r jammert zwar, aber er oder sie ist ja noch hier – jeden Tag und immer, wenn ich ihn/sie brauche! Folglich ist mein Tun doch in Ordnung.

Welches unterstützende Verhalten betreibe ich?

Weißt du, mit welchem Verhalten du das Trinkverhalten des Betroffenen unterstützt?

Abbildung aus „Problem: Alkohol – Wege aus der Hilflosigkeit“

Abbildung aus dem Buch „Problem: Alkohol – Wege aus der Hilflosigkeit“ von Dr. Christine Hutterer

Erkennst du dich wieder? Gibt es ein oder mehrere Dinge, die du für deine/n Angehörige/n tust? Dann wäre es sehr gut, wenn es dir gelänge, damit aufzuhören.

Unterstützendes Verhalten beenden: Nimm dich selbst wichtig

Manches ist recht einfach zu ändern. Beispielsweise, denjenigen nicht mehr aus der Kneipe abzuholen. Bestimmt fällt es dir dennoch schwer, zu Hause zu sitzen und zu wissen, dass der Anruf irgendwann kommen wird. Darum überlege dir, was du alternativ machen könntest, um nicht wieder nachzugeben. Du könntest:

  • Dein Handy ausschalten.
  • Selbst weggehen, z. B. zum Sport, mit Freunden, in eine Selbsthilfegruppe.
  • Etwas tun, dass du nicht unterbrechen kannst.

Wenn es dir gelingt, dein Leben, deine Wünsche und die Aktivitäten, die du gerne magst, wieder mehr in den Vordergrund zu stellen, ist schon viel gewonnen.

Mit Weitsicht planen

Doch vielleicht gibt es auch unterstützendes Verhalten, das nicht so einfach beendet werden kann. Beispielweise weil die Folgen, die eine Veränderung nach sich ziehen, sehr groß sind. Das können Situationen sein, die dir unangenehm sind. Oder es können finanzielle Engpässe auftreten. Vielleicht kommt es tatsächlich dazu, dass der geliebte Mensch seinen Job verliert, mit der Polizei in Konflikt kommt oder auch eine (vorübergehende) Trennung unausweichlich wird. Das sind schwere Einschnitte in deinem und eurem Leben. Daher ist es wichtig, sich nicht mit blindem Aktionismus hineinzustürzen, sondern zu planen. Frage dich:

  • Was kann im schlimmsten Fall passieren, wenn ich einen bestimmten Aspekt nicht mehr unterstütze? (Z. B. Jobverlust, Trennung)
  • Was müsste in meinem oder unserem Leben anders sein, damit der schlimmste Fall nicht eintritt? (Z. B. Ich müsste wissen, wo ich im Notfall Unterstützung bekomme, ich müsste eigenes Geld verdienen)
  • Was könnte mir dabei helfen, dass die Situation leichter wird? (Z. B. Finanzielle Unabhängigkeit, Unterstützung durch Freunde)

Schreib dir alles auf, was dir konkret helfen könnte. Wenn dir Ideen fehlen, dann bitte Freunde, mit dir zusammen zu überlegen. Überlege auch, wie du die Schritte umsetzen kannst. Aber übernimm dich nicht! Besser ist es, vorsichtig anzufangen und sich nach und nach zu steigern. Denn auch du bist die Situation schon lange gewöhnt und du wirst sicherlich mehrmals in Versuchung kommen, doch wieder in alte Verhaltensmuster zu fallen. Falls das passiert, versuche mit dir nicht zu streng zu sein. Lobe dich allein schon für den Versuch! Probiere es einfach ein weiteres Mal! Nach und nach und mit jedem neuen Versuch wirst du besser darin werden, unterstützendes Verhalten zu erkennen und zu beenden.

Warum soll ich unterstützendes Verhalten nochmal beenden?

Warum genau solltest du nochmal das unterstützende Verhalten beenden? Weil der/die Betroffene an seinem/ihrem Verhalten nur etwas ändern wird, wenn die Folgen des eigenen Handelns spürbar werden. Du willst erreichen, dass dein/e Angehörige/r Verantwortung für sein Tun übernimmt. Nur dann besteht die Chance, dass sich auch das Trinkverhalten ändert. Mehr zu unterstützendem Verhalten, wie es beendet werden kann und was du weiter tun kannst, findest du im Buch „Problem: Alkohol- Wege aus der Hilflosigkeit. Ratgeber für Angehörige und Freunde“ 

Bist du auf der Suche nach Hilfe und Antworten?

Erinnerst du dich noch daran, wie es sich anfühlt Spaß zu haben? Lachen zu können und sich sorglos und frei zu fühlen? Das Alkoholproblem eines nahestehenden Menschen kann dir all diese schönen Dinge nehmen und sie durch Sorgen, Angst und Wut ersetzen. Das muss nicht sein. Erfahre wie du deine Situation verändern kannst.

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