Suchtgedächtnis: Der Grund für das Verlangen nach Alkohol

Suchtgedächtnis: Der Grund für das Verlangen nach Alkohol

In dem täglichen Zusammenleben als Angehörige eines Menschen mit einem Alkoholproblem hast du dir bisher wahrscheinlich eher unbewusst Gedanken über das Suchtgedächtnis des Betroffenen (umgangssprachlich als Alkoholiker bezeichnet) gemacht. Vermutlich jedoch immer dann, wenn es darum ging, dass du den Betroffenen möglichst nicht mit dem Thema Alkohol konfrontiert wolltest. Beispielsweise hast du den von deinen Kollegen zum Geburtstag geschenkten Wein gar nicht erst mit nach Hause gebracht, auf Familienfeiern gab es nur alkoholfreie Getränke oder du hast beim Kochen auf das sonst obligatorische Ablöschen mit Rotwein verzichtet. Vielleicht hast du es also bereits unbewusst geahnt, dass du den Betroffenen (ugs. Alkoholiker) nicht zusätzlich mit Alkohol konfrontieren solltest, da ansonsten die Gefahr besteht, dass er ebenfalls Alkohol konsumieren möchte.

Aber woher kommt eigentlich dieser Drang nach dem Konsum von Alkohol und bleibt dieses unstillbare Verlangen ein Leben lang bestehen? Und was sollte man als Angehörige beachten? Auf diese Fragen möchte ich im folgenden Artikel eingehen.

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Das Suchtgedächtnis bei Alkoholismus

Schon ein alkoholfreies Bier kann bei dem Betroffenen dazu führen, dass er einen starken Drang nach Alkohol verspürt. Der Grund für dieses Verlangen liegt im sogenannten Suchtgedächtnis, welches sich im Zusammenhang mit der Alkoholabhängigkeit des Betroffenen in seinem Gehirn ausgebildet hat. Es sorgt dafür, dass der Drang nach Alkohol selbst nach einem erfolgreichen Alkoholentzug dauerhaft bestehen bleibt und damit jederzeit die Gefahr eines Rückfalls in die Alkoholerkrankung besteht.

Wie funktioniert das Suchtgedächtnis?

"Die schönen Momente bleiben für immer in Erinnerung." Dieses Sprichwort trifft es ganz gut: Denn das menschliche Gehirn speichert viele Informationen ab und verknüpft die gesammelten Erinnerungen mit den empfundenen Emotionen. Besonders gerne speichert das Gehirn jedoch positive Emotionen, die als Belohnung wahrgenommen werden, sodass der Mensch sich dauerhaft darin erinnern kann. 

Leider wird aber auch vom Gehirn der Konsum von Alkohol mit positiven Emotionen verbunden. Getrunken wird dieser häufig in bestimmten Situationen, beispielsweise das obligatorische Feierabendbier, um den Stress des beruflichen Alltags abzubauen. Durch die Ausschüttung des Glückshormons Dopamin wird das Trinken des Alkohols mit einer Belohnung verbunden und hilft negative Emotionen zu beseitigen und gleichzeitig für eine angenehme Stimmung zu sorgen. Das Gehirn lernt also, den Alkohol mit einem guten Gefühl zu verbinden. Diese als angenehm empfundene Gefühlswelt wird als etwas Positives abgespeichert und wann immer in der Zukunft eine stressige Situation auftritt oder die eigene Gefühlslage negativ ist, dann erinnert sich das Gehirn an den positiven Effekt des Konsums und aktiviert das Verlangen nach Alkohol. Dieser Dopaminschub bewirkt auch, dass die trinkende Person sich seine Rauschgefühle besonders gut merkt und entsprechend abspeichert. Das Gefährliche daran ist, dass diese Belohnungsinformationen in einem Bereich des Gehirns abgespeichert werden, dass für die Sammlung von Reiz-Reaktions-Mustern zuständig ist. Das bedeutet, je häufiger ein Mensch das Gefühl hat, dass er ein Problem mit Alkohol "vermeintlich" überwinden oder erleichtern kann und den Alkohol dahingehend als Lösung für sein Problem verwendet, desto stärker verfestigt sich dieses Muster in seinem Gehirn und mit der Zeit reicht bereits ein kleiner Reiz aus, um das Verlangen nach Alkohol zu aktivieren. Das Suchtgedächtnis wird also nicht sofort bei einem Glas Wein ausgebildet, sondern es entsteht vor allem dann, wenn Menschen regelmäßig Alkohol konsumieren, um bewusst ihre Gefühlslage positiv zu beeinflussen.

Was passiert im Suchtgedächtnis nach dem Alkoholkonsum?

Der Konsum von Alkohol bewirkt eine besonders hohe Ausschüttung von Dopamin im Gehirn. Der Anteil der Hormone ist in diesem Moment sogar so hoch, dass andere Dinge, die normalerweise ebenfalls positive Gefühle ausschütten, nicht an diesen Gefühlszustand heranreichen. Daher werden auch durch Alkohol verursachte Glücksgefühle als besonders intensiv wahrgenommen und in der Folge bilden sich im Gehirn neue Rezeptoren für Dopamin aus, wodurch das Gleichgewicht der Botenstoffe verschoben wird. Der Alkohol übernimmt also im Belohnungssystem das Kommando und stimuliert die Aktivitäten stärker und anhaltender als jedes anderes natürliches Erlebnis. Das bedeutet, Dinge oder Situationen die früher ausgereicht haben einen glücklichen Gefühlszustand zu erleben, reichen heute nicht mehr aus. Dies hat zur Folge, dass sich ausreichend positive Gefühle also nur noch einstellen, wenn der Betroffene (ugs. Alkoholiker) erneut Alkohol konsumiert und die Menge gleichzeitig erhöht wird. Verzichtet die betroffene Person hingegen auf das Trinken, dann reagiert das Gehirn mit psychischen und physischen Entzugserscheinungen wie Angstzuständen oder auch depressiven Phasen.

Warum das Suchtgedächtnis lügt

Offensichtlich verursacht das Trinken also nicht nur positive Gefühlszustände und doch vermittelt das Suchtgedächtnis dem Menschen nur Teilwahrheiten über das tatsächliche Geschehen während des Alkoholkonsums. Das Suchtgedächtnis speichert nur die belohnenden Aspekte des Trinkens ab und nicht die negativen Folgen. Diese Informationsverzerrung führt bei der betroffenen Person dazu, den Drang nach Alkohol zu aktivieren, indem nur die schönen Aspekte des Trinkens vermittelt und die negativen Folgen (bspw. Alkoholabhängigkeit) außer Acht gelassen werden. 

Die Rolle des Suchtgedächtnis in einer abstinenten Phase

Möchte ein Betroffener (ugs. Alkoholiker) ein abstinentes Leben führen, dann wird ihn sein Suchtgedächtnis vor Herausforderungen stellen. Denn dieser Bereich seines Gehirns arbeitet autonom und ist dadurch nicht durch den eigenen Verstand beeinflussbar. Das bedeutet, es sind bestimmte Reize gespeichert, die dem Gehirn in Situationen, in denen man zu einem früheren Zeitpunkt Alkohol konsumiert hat, signalisieren, dass wieder eine Ausschüttung von Dopamin bevorsteht. Als Folge von diesem Signal entsteht in Teilen des Gehirns eine Art Vorfreude und wenn diese nicht realisiert wird, kommt es zur typischen schlechten Laune. Dieser negativer Gefühlszustand kann wiederum der Auslöser für einen Rückfall sein. Das Suchtgedächtnis wirkt sich also in einer abstinenten Phase besonders kontraproduktiv aus und es ist daher besonders wichtig, dass potenzielle Reize, die darauf einwirken, vermieden werden. Als Angehörige kannst du Unterstützung leisten, indem du dabei hilfst, mögliche Reize zu vermeiden. Es sollte sich also kein Alkohol im Haushalt befinden, aber auch auf das Kochen mit Wein, dem Nutzen von alkoholhaltigen Medikamenten oder das Aufhalten in Situationen in denen früher getrunken wurde, sollte vermieden werden. Weitere Hinweise zum Verhalten in einer abstinenten Phase findest du in dem Artikel "Alkoholismus: Abstinenz gemeinsam leben".

Kann man das Gespeicherte aus dem Suchtgedächtnis löschen?

Die beschriebenen Veränderungen im Gehirn sind nach aktuellem Kenntnisstand dauerhaft und können nicht gelöscht werden. Das bedeutet, auch wenn ein Betroffener (ugs. Alkoholiker) einen erfolgreichen Entzug absolviert und bereits seit mehreren Jahren ohne Alkohol lebt, kommt es trotzdem zu keinen Veränderungen in einem einmal ausgebildeten Suchtgedächtnis. Das Suchtverlangen (sogenanntes Craving) bleibt für die betroffene Person ein Leben lang und ist ein ständiger Begleiter. Auch Jahrzehnte nach dem letzten Alkoholkonsum können einzelne Reize noch immer dafür sorgen, dass das Suchtgedächtnis wieder aktiviert wird und die an Alkoholismus erkrankte Person einen Rückfall erleidet. 

Was kann ich als Angehörige tun?

Neben dem Vermeiden von potenziellen Reizen, sollte dem Suchtgedächtnis etwas entgegengesetzt werden, indem man es über einen langen Zeitraum in regelmäßigen Abständen einschränkt. Deswegen ist es wichtig, dass beispielsweise ein abstinent lebender Betroffener an wöchentlichen Selbsthilfegruppen teilnimmt und aus der Reflexion der eigenen und anderen Erfahrungen, den als belohnend abgespeicherten Konsumerfahrungen etwas entgegensetzt. Du als Angehörige kannst ihn zur Teilnahme an solchen Treffen motivieren und ihn dabei unterstützen, dass er diese auch wahrnehmen kann. Aber auch gemeinsame Aktivitäten, die vom Verlangen nach Alkohol ablenken, sind eine sinnvolle Unterstützung. Mehr zu dem Thema, wie du eine Abstinenz unterstützen kannst, findest du in dem Artikel "Alkoholismus: Abstinenz gemeinsam leben".

Fazit zum Suchtgedächtnis

Durch das einmal ausgebildete Suchtgedächtnis ist ein Betroffener der ständigen Gefahr des Trinkens ausgesetzt. In diesem Teil des Gehirns werden die schönsten Trinkerlebnisse und die damit verbundenen positiven Gefühle sowohl inhaltlich als auch emotional abgespeichert. Darüber hinaus hat das Gehirn sogenannte Hinweisreize entwickelt, die in bestimmten Situationen signalisieren, dass der Konsum von Alkohol unmittelbar bevorsteht. Bei einem Alkoholabhängigen (ugs. Alkoholiker) kann bereits das Anschauen einer Bierflasche oder Geruch einer offenen Sektflasche einen solchen Reiz auslösen. Durch die Ausschüttung von Dopamin wird in diesem Fall ein positiver Gefühlszustand durch das baldige Trinken erwartet. Wenn das angenehme Gefühl jedoch nicht eintritt, kommt es bei der betroffenen Person zu einer negativen Stimmungslage, die durch Gereiztheit und persönlicher Unzufriedenheit geprägt ist. Diese Gefühlslage kann wiederum den erneuten Konsum von Alkohol bewirken. Da die gespeicherten Informationen im Suchtgedächtnis nicht gelöscht werden können, ist es besonders wichtig, dem potenziellen Verlangen dauerhaft etwas entgegenzuwirken und mögliche Reize, die den Konsum auslösen können, zu vermeiden.

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