Alkoholismus zu Zeiten von Corona: Sieben Tipps für Angehörige

Alkoholismus zu Zeiten von Corona: Sieben Tipps für Angehörige

Die COVID19-Pandemie hat unser Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. Die Welt scheint wie aus den Fugen geraten zu sein. Gewohntes und Liebgewonnenes ist plötzlich nicht mehr selbstverständlich möglich. Als freie und offene Gesellschaft müssen wir Einschränkungen in unserem Alltag hinnehmen, mit denen wohl kaum jemand von uns vor Corona jemals gerechnet hätte. Neben der schon schwierigen Alkoholkrankheit eines nahestehenden Menschen, kommt so noch die Angst um eine eigene Erkrankung oder die eines weiteren Angehörigen hinzu. 

Einerseits wollen wir uns gerade deswegen unbedingt an die Verhaltens- und Hygieneregeln halten, weil wir wissen, diese Pandemie können wir nur gemeinsam in die Knie zwingen. Andererseits erfordert sie von uns einen sehr langen Atem und viel Geduld. 

Täglich erreichen uns besorgniserregende Nachrichtenmeldungen über steigende Infektionszahlen und an COVID19 Verstorbenen. Das alles kommt noch zu unseren Belastungen und dem Kummer aus dem Alltag mit dem Alkoholproblem (in Form einer Alkoholsucht, Alkoholabhängigkeit oder Alkoholmissbrauch) des Betroffenen (umgangssprachlich auch als Alkoholiker bezeichnet) hinzu. Gar nicht so einfach, bei all diesen Herausforderungen von außen einen eigenen gesunden Weg zu finden, so dass die Corona-Pandemie auch aus psychischer Sicht gut überwindbar ist.  

So manch einer unter uns wird sich aktuell fragen: Wie komme ich gut durch diese Zeit? Wie kann ich mich jetzt gut schützen, obwohl ich gerade so viel Kontrolle abgeben muss?

Geht es dir vielleicht auch so?

Aber nur die Decke über den Kopf ziehen und abwarten, das ist keine Lösung. Das Leben geht weiter und ein solches Verhalten würde uns langfristig in eine depressive Stimmung versetzen. 

Aus diesem Grund möchte ich in diesem Beitrag den Fokus einmal auf uns selbst richten und wie wir es schaffen, uns in einer Zeit der Ungewissheit, um uns selbst zu sorgen.

Bist du auf der Suche nach Hilfe und Antworten?

Vereinbare ein Beratungsgespräch und erhalte konkrete Handlungsmöglichkeiten.
Jetzt Gespräch vereinbaren

Alkoholismus und Covid-19: Sieben Tipps für Angehörige der Betroffenen (ugs. Alkoholiker)

Wenn auch du positiv und gesund aus dieser Zeit hervorgehen möchtest, dann solltest du einige der aufgeführten Punkte beachten. Die nachfolgenden sieben Tipps sollen dir eine Anregung und Inspiration dazu bieten.

Tipp 1: Mach dir deine Routinen bewusst und halte an ihnen fest.

Viele von uns haben ihre Arbeit ins Homeoffice verlegt. Andere wiederum können aktuell gar keiner Tätigkeit nachgehen, da ihr Betrieb Kurzarbeit angemeldet hat oder derzeit überhaupt die Arbeit ruht. Die Allermeisten unter uns werden es kaum gewohnt sein, über einen solch langen Zeitraum in den eigenen vier Wänden verweilen zu müssen. Unsere ganze Tagesroutine scheint hinfällig zu sein: Wofür soll ich mich morgens zurecht machen, wenn mich eh keiner sieht? Was bringen Essenszeiten, wenn nur noch ich es bin, der seinem eigenen Tag eine Struktur geben muss? 

Wir laufen der Gefahr aus in einen Zustand der „Verschieberitis“ zu gelangen, weil wir immer häufiger nach Argumenten suchen, um eine bestimmte Tätigkeit oder Aufgabe nach hinten zu verschieben („Duschen kann ich auch später“). Gerade jetzt ist aber besondere Obacht geboten, ansonsten driften wir nur allzu leicht in einen belang- und ziellosen Tagesablauf, der uns immer weniger zu irgendwas motivieren wird. Wir geraten mehr oder weniger in eine Endlosschleife, die von wenigen bis gar keinen Höhepunkten geprägt ist. 

Nun magst du vielleicht entgegenhalten „Alles schön und gut, doch was soll ich machen, wenn meine Lieblingsorte alle geschlossen haben und ich meine Freunde nicht mehr treffen darf?“. Die Antwort ist: Schaffe dir Alternativen, die in den jetzigen Zeiten möglich sind. Fehlt dir der Besuch deines Fitnessstudios, dann lade dir eine Sport-App herunter und lege in deinem Tagesablauf feste Termine für dein Training. Befindest du dich im Homeoffice, dann gestalte dein häusliches Arbeitsumfeld so, dass du dich in dem Moment der Arbeit voll und ganz auf deinen Job konzentrieren kannst. Verbanne alles Private und was dich ansonsten ablenken könnte aus deinem direkten Arbeitsumfeld. Konzentriere dich auf deine Arbeit, wenn diese erledigt ist, kannst du dich wieder ganz deinen privaten Dingen widmen. Eine möglichst klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit wird dir für eine gesunde Tagestrukturierung sehr hilfreich sein.

Tipp 2: Achte auf dich und gönne dir etwas.

Solltest du das Gefühl haben, dass dich derzeit alles „ziemlich runterzieht“ und dass dir deine Motivation „verloren geht“, wird es spätestens jetzt Zeit noch genauer auf dich selbst zu achten. Schaffe dir ganz bewusste Highlights in deinem Alltag, zum Beispiel indem du dich mit einem besonders leckeren Essen verwöhnst, du ein erholsames Wellnessprogramm einlegst oder einen gemütlichen Abend auf der Couch bei einem Wunschfilm verbringst. 

Genieße diese Augenblicke und vermeide jegliche Störungen von außen. Trage dir jede Woche mindestens eine „Ich-Zeit“ in deinen Kalender ein, die du entsprechend positiv für dich nutzt. Halte Maß mit deinen Highlights und laufe nicht der Gefahr aus unentwegt konsumieren zu wollen. Ein Höhepunkt sollte immer ein besonderes Ereignis bleiben, ansonsten wird es zur unspektakulären Gewohnheit. 

Fällt es dir etwas schwer deine momentanen Bedürfnisse genau identifizieren zu können, kann dir ein Achtsamkeitstraining behilflich sein. Indem du deinen Tagesablauf viel bewusster angehst, wirst du deinen Wünschen und Bedürfnissen wesentlich näherkommen. Achtsamkeitsübungen für den Alltag gibt es zahlreiche, eine Internetsuche wird dich schnell auf die gewünschten Seiten führen. Probiere die Übungen aus, die dich besonders ansprechen und bleibe regelmäßig am Ball. Auch hier gilt ganz besonders: Der Weg ist das Ziel.

Tipp 3: Bleibe im Kontakt zu dir selbst und den Menschen, die dir guttun.

Wir haben heute einen enormen Vorteil als Gesellschaft: Die Digitalisierung. Deshalb solltest du die Möglichkeiten nutzen, die dir digital geboten werden, um mit deinem Umfeld im Kontakt zu bleiben. Verabrede dich regelmäßig mit deinen besten Freunden oder deinen liebsten Familienmitgliedern zu einer Videokonferenz. Natürlich kannst du auch ganz klassisch das Telefon nutzen, aber es ist immer noch etwas anderes, wenn wir uns auch visuell ein Bild über die momentane Stimmungslage des Gegenübers verschaffen können. 

Den Austausch brauchst du nicht nur mit deinem direkten und gewohnten Umfeld zu pflegen, zahlreiche Online-Gruppen bieten die Chance neue Bekanntschaften zu schließen. Zum Beispiel verabreden sich einige Menschen zu gemeinsamen Online-Spieleabenden oder einem digitalen Kochkurs. An Ideen mangelt es nicht, findest du dennoch nichts Passendes, dann versuche einfach andere Menschen für dein Interesse oder Hobby zu begeistern und gründe eine eigene Gruppe. Achte aber stets darauf, dass gerade Social-Media ein Sammelsurium für alle möglichen Ideen und Fantasien ist. Manche Personen versuchen gerade die jetzige Situation für ihre kruden Gedankengänge zu nutzen. Wir alle bewegen uns auf diesen Plattformen in gewissen Blasen, sorge dafür, dass dir deine Blase guttut und sie nicht für noch mehr Verwirrung in deinem Alltag verantwortlich ist. 

Hast du das Gefühl, dass bestimmte Menschen in deinem aktuellen Umfeld einen eher schädlichen Einfluss auf dich haben, dann suche Abstand zu ihnen. Deine Stimmung und deine Gedanken sind immer auch von deinem direkten Umfeld beeinflusst. In dem Moment, in dem du dich von diesen alten Lasten befreist, öffnest du dich zugleich für neue Erfahrungen und Begegnungen.

Tipp 4: Vertraue dir selbst und richte den Blick in die Zukunft.

Überhaupt ist Loslassen ein ganz angebrachtes Thema, über welches du einen Moment nachdenken solltest. Dabei bezieht sich dieses Loslassen nicht nur auf eher schädliche Beziehungen zwischen Menschen. Wir erleben derzeit ein weit verbreitetes Gefühl von Ohnmacht. Die Pandemie hat uns eiskalt erwischt und die Bewältigungsstrategien fallen sehr überschaubar aus. Aus dieser Situation kommen wir nicht allein heraus, wir sind beispielsweise auf die überlebenswichtigen Beiträge aus Wissenschaft und Forschung angewiesen, um COVID19 endlich aus unserem Alltag streichen zu können. Jeder kann und sollte seinen Teil zur Bekämpfung der Pandemie leisten, die Kontrolle über den Verlauf liegt jedoch nicht in unseren Händen. 

Manch einer unter uns erlebt dieses als massiven Kontrollverlust, jenen scheint das Leben und der Alltag regelrecht aus den Händen zu gleiten. Es verlangt uns die Abgabe eigener Kontrolle ab und niemand mag tatsächlich im Ungewissen leben. Loslassen hat zugleich sehr viel mit Selbstvertrauen und Selbstsicherheit zu tun, denn bin ich mir selbst gegenüber dem größten Skeptiker, werde ich wohl kaum einer anderen Person Vertrauen schenken können. 

Richte deinen Blick besser in die Zukunft und grüble nicht zu sehr über Dinge nach, auf die du in diesem Moment keinen Einfluss hast.

Tipp 5: Lass dich auf deine Emotionen ein.

Natürlich kommt uns nicht jede Emotion immer gelegen, deshalb verschließen wir uns gerne. Bevor etwas „hoch kocht“, lassen wir lieber „den Deckel drauf“. Förderlich ist dieses Verhalten für unsere psychische Gesundheit ganz und gar nicht. Vielmehr solltest du deinen Emotionen Raum lassen, wenn sie geradezu danach schreien. Du darfst wütend, traurig, enttäuscht oder sauer sein und du darfst dich über die jetzige Situation durchaus ärgern. Lass also deine Gefühle fließen, bevor es in dir zu einer „Stauung“ kommt, die letztendlich unausweichlich zum nächsten Frust führen wird.

Tipp 6: Nutze die DEADS-Formel.

Bei der DEADS-Formel handelt es sich um ein Werkzeug aus dem englischsprachigen Raum, dass eigentlich für die an Alkoholismus erkrankten betroffenen Personen (ugs. Alkoholiker) entwickelt wurde. Aber auch Familie und Freunde können dieses Tool verwenden, um nicht in eine Verhaltensweise zurückzufallen, die eine Gefahr eines Konflikts mit dem Betroffenen birgt. Jeder Buchstabe dieser Formel steht dabei für die Möglichkeit, in diesem Moment darauf zu verzichten, Dinge zu tun oder zu sagen, die du gegeben falls später bereuen könntest.

Korrekterweise müsste man die Formel eigentlich in „VVAAE“ übersetzen, weil dann auch die deutschen Anfangsbuchstaben übersetzt werden, aber ich finde „DEADS“ ist immer noch leichter zu merken. Du kannst aber gerne selbst entscheiden, wie du dir diese Formel am besten merkst. Du kannst DEADS oder VVAAE dir immer dann in Erinnerung rufen, wenn du dich gerade von der aktuellen Situation mit dem Betroffenen überfordert fühlst.

DEADS oder VVAAEE steht dabei für die folgenden Dinge:

D (V) steht für Delay – also die Verzögerung: Sage also nicht sofort das Erste, was dir in den Sinn kommt, wenn du dich über ein Verhalten des Betroffenen (ugs. Alkoholiker) ärgerst. Halte kurz inne und reagiere mit Verzögerung darauf.

E (V) steht für Exit – also das Verlassen der Situation, bevor diese zu eskalieren droht: Mache eine kurze Pause, indem du entweder den Raum verlässt oder das Telefonat beendest.

A (A) steht Acceptance – also das Akzeptieren: Das ist wahrscheinlich der schwierigste Teil dieser Formel. Es bedeutet, dass du es manchmal leider auch einfach akzeptieren musst, dass dies die momentane Realität ist, auch wenn sie für dich unerträglich erscheint. Akzeptiere, dass du das Verhalten des Betroffenen nicht ändern kannst, aber du kannst deine Reaktion darauf kontrollieren.

D (A) steht für Distract – also das Ablenken: Finde etwas, dass deine Aufmerksamkeit von der aktuellen Situation ablenkt. Gehe beispielsweise spazieren, rufe eine Freundin an, höre einen Podcast oder schau dir einen Film an.

S (E) steht für Substitute – also der Ersatz: Damit meine ich, dass du einen irrationalen Gedanken durch einen Rationalen ersetzen sollst. Anstatt zum Beispiel zu denken „Wenn er sich wirklich um mich sorgen würde, dann würde er auch keinen Alkohol trinken“, ersetze diesen Gedanken besser durch „Er fühlt sich wahrscheinlich schrecklich wegen seines Trinkens und macht sich schon selbst genügend Vorwürfe“. Ersetze auch Überlegungen wie „Ich halte das keine Minute mehr länger aus“ durch „Ich finde es nicht gut, was hier gerade geschieht, aber ich kann damit umgehen“.

Mit der DEADS-Formel hast du ein Tool an der Hand, dass dir dabei helfen kann, in Situationen, die von Emotionen geprägt sind, nicht zu schreien und zu schimpfen und besser den Konflikt zu vermeiden.

Tipp 7: Experten können deinen Blick erweitern.

Du brauchst dich deiner Lage nicht zu schämen. Im Gegenteil: Möchtest du aus ihr lernen und an ihr wachsen, ist es eher Ausdruck deines starken Charakters. Es kann für deinen eigenen Prozess hilfreich sein, wenn du dir für deine aktuelle Auseinandersetzung professionelle Hilfe suchst, zum Beispiel in Form eines Coachings. Der geschulte „Blick von außen“ kann dich konstruktiv voranbringen. Solltest du also aktuell das Gefühl haben, dass du wenig Licht am Horizont siehst, dann zögere nicht und suche dir Unterstützung.

Ganz entscheidend ist, dass du jetzt gut auf deine eigenen Bedürfnisse und Emotionen achtest. Das derzeitige Erleben von Isolation, macht uns allen zu schaffen. Vermutlich wirst du Menschen in deinem Umfeld haben, die auf die jetzige Situation recht hilflos reagieren und mit ihr absolut überfordert sind. Darunter werden womöglich auch welche sein, die keine guten Bewältigungsstrategien für sich entwickelt haben. Wer bereits in der Vergangenheit Probleme damit hatte adäquat auf Belastungen und Emotionen zu reagieren, wird sich in der momentanen Lage kaum selbst positiv zu helfen wissen. 

Du musst für dich entscheiden, wie nah du solche Verzweiflungsrufe und -taten an dich heranlässt und wann für dich eher Abstand geboten ist. Dazu kann auch zählen, dass du die Realität in deinem Umfeld so akzeptierst, wie sie nun einmal derzeit ist. Weil deine Einflussmöglichkeiten ohnehin viel zu begrenzt sind oder weil im Moment auf der anderen Seite sowieso kein Wunsch nach Veränderung besteht. 

Indem du dich viel mehr auf dich selbst konzentrierst, wirst du dich auch im Umgang mit herausfordernden Situationen viel selbstsicherer fühlen. 

Dadurch bekommen wir mit allergrößter Wahrscheinlichkeit gewiss nicht die Probleme der großen weiten Welt und möglicherweise deines direkten Umfelds gelöst. Doch du weißt nun anders damit umzugehen, weil du den Blick auf dich gerichtet hast.

Bist du auf der Suche nach Hilfe und Antworten?

Erinnerst du dich noch daran, wie es sich anfühlt Spaß zu haben? Lachen zu können und sich sorglos und frei zu fühlen? Das Alkoholproblem eines nahestehenden Menschen kann dir all diese schönen Dinge nehmen und sie durch Sorgen, Angst und Wut ersetzen. Das muss nicht sein. Erfahre wie du deine Situation verändern kannst.

Jetzt Unterstützung erhalten

Bist du auf der Suche nach Hilfe und Antworten?

Vereinbare ein Beratungsgespräch und erhalte konkrete Handlungsmöglichkeiten.
Jetzt Beratungsgespräch vereinbaren

Wenn Alkohol zum Problem wird.
Hilfe für Familie und Freunde.

© 2021 Challenge-A